Noch 128 Tage Deutschland

Derzeit weiß ich noch nicht, in welches Projekt ich komme und dementsprechend auch nicht, wo ich wohnen werde. Das macht das Reden über Südafrika zwar etwas schwieriger, weil ich noch nicht Näheres zum Inhalt meiner Tätigkeit sagen kann, aber gleichzeitig auch etwas persönlicher, weil mich die Leute dann eher danach fragen, warum ich mich für das weltwärts-Jahr beworben habe und was ich mache, wenn ich wieder zurückkomme. Das wiederum führt dazu, dass ich mich fast täglich mit dem Warum des Ganzen beschäftige, mich und meine Entscheidung immer wieder reflektiere und mir stets neue Argumente für das Jahr einfallen.

Ein Jahr auf einem anderen Kontinent

Im Januar 2011 habe ich mein Studium der Volkskunde und Buchwissenschaft beendet. Schon vorher war klar: ich will weg. Während des Studiums habe ich es aus finanziellen und zeitlichen Gründen nie geschafft, mal längere Zeit im Ausland zu verbringen und deshalb fing ich schon ein Jahr vor dem Abschluss an, mir darüber Gedanken zu machen, wie so ein Auslandsjahr aussehen könnte. Überlegungen, woanders ein Praktikum zu machen oder als Au-Pair zu arbeiten haben sich schnell zerschlagen und so landete ich vor etwa einem Jahr bei einem Verein in meiner Heimatstadt, der sich für Bildungsförderung für Kinder in Südafrika stark macht und auch weltwärts-Plätze vergibt. Über die Mitgliedschaft im Verein kam ich dann mit dem Programm weltwärts näher in Kontakt und bewarb mich bei AFS, wo ich dann im Dezember 2010 die so sehr erhoffte Zusage für Südafrika erhielt. Wahnsinn, wenn ich an dem Moment denke, als ich die E-Mail öffnete und erfuhr, dass es im Sommer 2011 für ein Jahr auf einen anderen Kontinent geht.

Ein Jahr lang in einer unbekannten Kultur leben

Ganz ehrlich: Es wäre natürlich viel bequemer einfacher hier zu bleiben. Hier habe ich meine Familie und Freunde um mich, ein wunderschönes WG-Zimmer, einen Job, der mir Spaß macht. Jetzt, so sagen die Leute immer, könnte ich mich ja eigentlich einfach zurücklehnen, Geld verdienen und einfach mal genießen, dass das Studium und die Zeit des knappen Portmonees endlich vorbei ist. Bequem ja, aber eben auch ganz schön langweilig. Ganz schön durchschnittlich. Das Leben besteht ja nicht nur daraus, brav in die Sozialversicherung einzuzahlen. Viel mehr besteht es doch daraus, den eigenen Weg zu finden, mal ein Risiko einzugehen und mit Menschen aus anderen sozialen Kontexten in Kontakt zu treten. Hinzu kommt, dass Afrika der Kontinent ist, der mich schon immer am meisten gereizt hat. Die verschiedenen Kulturen, die Landschaft, aber auch die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten und die Geschichte der unterschiedlichen Länder – das finde ich unglaublich spannend. Und jetzt darf ich nicht nur durchreisen, sondern dort leben. Mitten unter den Menschen, die dort geboren sind, die Teil dieser Kultur sind und diese mitgestalten. Etwas Schöneres kann ich mir gar nicht vorstellen. Wenn der Preis dafür bedeutet, ein Jahr lang nicht in die Rentenversicherung einzuzahlen, dann bezahl ich ihn gerne!

Ansprüche zurück schrauben

Für mich hat das weltwärts-Jahr ganz viele Aspekte: Weggehen von meiner Familie, die nur einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt lebt, meine sozialen und beruflichen Fähigkeiten in einem völlig anderem Kontext einbringen und mich und meine Ansprüche für ein Jahr lang zurück schrauben, den Blickwinkel auf Probleme, die in meiner jetzigen deutschen Situation losgelöst von wirklichen Problemen riesengroß erscheinen, verändern. Und wenn ich heute darüber nachdenke, warum ich nicht einfach ein bisschen durch Australien tingele oder in den USA irgendwo ein Praktikum mache, dann spielen diese Argumente mit hinein, aber auch der Gedanke, ein Jahr meiner Lebenszeit an Menschen zu verschenken, die nicht das Privileg hatten, in einem reichen Industrieland geboren worden zu sein.

Im Kaufrausch

Und jetzt, vier Monate nach all diesen Überlegungen und der Zusage, stecke ich mitten in den Vorbereitungen für die Ausreise. Die wichtigsten Sachen sind schon gekauft: Ein Rucksack für die Einreise, ein Tagesrucksack fürs Handgepäck, ein paar feste Schuhe, ein Wörterbuch Zulu, Xhosa und Afrikaans und so gar ein Reisekissen liegen schon bereit. Und je mehr Punkte ich auf meiner „Einkaufsliste“ abhake, je mehr Dinge ich für dieses Jahr kaufe, desto greifbarer wird das weltwärts-Jahr, das sich meist noch ziemlich weit weg anfühlt. Fast täglich werde ich gefragt, wann es jetzt endlich losgeht, und sobald ich das Datum nennen, sagen die Leute – fast enttäuscht: „Ach so, na das ist ja noch ne Weile hin“.

Sprachkenntnisse aufpolieren

Nachdem ich vor zwei Wochen eine große Spenden-Gala veranstaltet und nun das dabei gesammelte Geld an AFS überwiesen habe, kann ich mich nun voll und ganz dem Lesen von Büchern, dem Sehen von Filmen über Südafrika und dem Abhaken meiner To-Do-Liste widmen. Zusätzlich besuche ich einen Englisch-Kurs einmal die Woche, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Wenn ich weiß, in welches Projekt ich komme und welche Sprache dort von den Einheimischen vornehmlich gesprochen wird, werde ich mir dann Afrikaans, Xhosa oder Zulu mal näher ansehen…

Loslassen für ganz viel Neues

So ganz rosarot und ausreisefiebrig bin ich aber noch nicht, da ich gerade in den vergangenen Wochen immer wieder damit konfrontiert werde, dass ich für das Jahr meinen Job aufgebe und kein Mensch weiß, wie es für mich beruflich weitergeht, wenn ich zurück komme. Erst kürzlich hat mir mein Chef gesagt, dass es ein blöder Zeitpunkt ist, um wegzugehen, da demnächst ein paar Stellen freiwerden und sich das Personalkarussell ordentlich drehen wird. Da sind so Momente, in denen ich kalte Füße bekomme. Aber das sind eigentlich nur Schrecksekunden. Ich erinnere mich dann daran, dass das Jahr eine ganz bewusste Entscheidung war – und zwar mit allen Konsequenzen. Dass es erst Recht keine Alternative ist, aus Angst daheim zu bleiben. Das Wörtchen „Mut“ höre ich sehr oft in den vergangenen Wochen. Und das beziehen viele weniger auf die Kriminalität in Südafrika, sondern auf den Verzicht, der mit dem Jahr verbunden ist. Und das noch nicht mal, um die Karriereleiter ein paar Sprossen nach oben zu klettern, wie das Gleichaltrige tun, sondern um etwas zu machen, was mit meiner jetzigen Arbeit überhaupt nichts zu tun hat. Dann denke ich daran, dass ich vielleicht, wenn ich ganz viel loslasse, auch Platz mache für ganz viel Neues. Und auf dieses Neue, auf dieses Unbekannte, freue ich mich so sehr, dass diese Freude die kleinen Schrecksekunden stets besiegt.


Ein Gedanke zu Noch 128 Tage Deutschland

  • Hallo Alexandra,
    ich finde deine Einstellung zu dem Auslandsjahr absolut korrekt und toll. Bleib auf jeden Fall dabei, auch wenn Zweifel aufkommen oder andere daran zweifeln. Und ich glaube, die Entscheidung ein Jahr zu gehen, ist auch richtig, denn dann lässt man sich wirklich voll und ganz darauf ein. Ich in für insgesammt drei Monate hier und ich hatte Angst, wegen dem Klima hauptsächlich. Ich denke, das Land hat wirklich sehr viel zu bieten. Ich bin hier in einer abgeschiedenen Gegend, nicht weit von mir ist der Kruger National Park. Ich habe vor, eine dreitägige Wilderness Trail zu machen. Ist aber schon alles sehr ausgebucht, ich versuch es aber trotzdem. Hier ist es sehr schade, dass ich nicht Autofahren darf, ich komme praktisch nicht weg vom Gelände. Ich bin hier bei einer NOG AWARD, die sich mit Wasser und jetzt wo ich da bin auch mit Abwasser beschäftigt. Genauer mit der Verschmutzung der Flüsse. Es ist interessant, aber auch sehr schwer für mich, da ich mir alles in Englisch aneignen muss. Deshalb meinen Rat, schau dass du so gtu wie möglich Englisch lernst. Es macht vieles einfacher. Es ist jetzt gerade Winter hier und die Nächte sind sehr kalt.
    Ich wünsche dir alles gute und eine schöne Vorbereitungszeit 🙂
    Viele Grüße, Jutta

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