Das andere Gesicht Chinas

Nach vierundzwanzig Stunden Zugfahrt bin ich am Montagabend in der „Mitte des Reiches der Mitte“ angekommen, in Xining, der Hauptstadt Qinghais (= Blaues Meer). Ich durfte den AFS-Zuständigen aus dem Shanghai Roots & Shoots Office dorthin begleiten, um die örtliche Auswahl für die Schüler zu machen, die diesen Sommer als Austauschschüler nach Deutschland wollen.

Xining, Qinghai
Xining, Qinghai

Die Zufahrt war lang aber bequem, der Kälteschock riesengroß! Es waren die ganze Zeit irgendwas zwischen -10 und -20°C und egal wie viel man anhatte, es war kalt. Aber eben auch wunderschön! Die kleine Stadt hat es mir sofort angetan, die Zeit verläuft dort merklich langsamer. Als ich dort war, ist mir wieder in den Sinn gekommen, warum ich nach China gekommen bin, nach Asien, was mich an diesem Kontinent so fasziniert: Seine Vielfältigkeit, die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, und natürlich auch das unbefangene Starren der Menschen gehört dazu.

Dongguan-Moschee, Xining
Dongguan-Moschee, Xining

Qinghai stand geschichtlich vor allem unter tibetischem und muslimischem Einfluss, und entsprechend vielfältig ist die Bevölkerung und die Region. Ich habe vor allem Tibeter, Muslime und Mongolen neben Chinesen gesehen und habe die größte Moschee des Nordostens Chinas besucht. Es gibt dort sehr viele muslimische Restaurants, Läden und man hörte immer wieder den Ruf zum Gebet.
Neben Chinesisch und Arabisch stand auch das Meiste auf Tibetisch an den Häusern und Geschäften.

Tibeter beim Ta'Er Tempel
Tibeter beim Ta'Er Tempel

Ein junger Mönch führte uns am Donnerstag durch das tibetisch-buddhistische Tempelgelände des Ta’Er Klosters (auf Tibetisch „Kumbum Champa Ling“) in Huangzhong. Zwei Stunden lang schauten wir uns die Gebäude an, und weitere 1,5h dauerte der Marsch um das Gelände herum. Gläubige Tibeter legen sich auf diesem Weg nach jedem Schritt flach auf den Boden, sodass sie bis spät abends unterwegs sind, wenn sie morgens gegen drei Uhr anfangen. Manche tun dies auch auf dem Weg von ihrer Heimat in Bergen nach Lhasa, was mehrere Jahre dauert. An ihrer auffällig bunten und langen Kleidung, den langen, wüsten Haaren, den Babys in ihren langen Umhängen und dem unverkennbaren Geruch nach Käse kann man sie sehr leicht von den Chinesen unterscheiden. Dazu kommt, dass kaum jemand unter ihnen Mandarin spricht. Die meisten leben tatsächlich mit ihrem Vieh in den Bergen, kommen gelegentlich in die Tempelregionen und führen sonst ihr ganz eigenes Leben. Natürlich ist dieser Stil seitens der chinesischen Regierung gar nicht willkommen…

Ein weiteres kulturelles Ziel war der daoistisch-buddhistische Tempel etwas außerhalb Xinings, wo wir kostenlos herumlaufen und die Gebäude anschauen durften.
Diese Reise nach Qinghai war eine Reise in ein China, wie man es sich als „original“ und „echt“ vorstellt. Das Leben in Shanghai hat damit definitiv nichts zu tun. Ich kann diesem Ort nur wünschen, dass ihm bald klar wird, was ihm an kulturellem Wert verloren geht, während er alles Alte abreißt und Wohnungen baut, die sich niemand leisten kann.

Daoistischer Tempel, Xining
Daoistischer Tempel, Xining

6 Gedanken zu Das andere Gesicht Chinas

  • Es gibt also doch ein China, klingt ein bischen wie eine Reise in eine andere Welt, aber wenn es das nächst Mal wieder Asien sein muss, such dir eine wärmere Ecke aus, mir ist schon beim Lesen ganz kalt geworden. Die haben dich bestimmt nur alle angestarrt, weil du nicht warm genug angezogen warst???

  • Hallo Lisa, du hast deine Situationen gut beschrieben, ich habe eine Bitte,
    mein Sohn Simon, möchte in 2 Jahren, wenn er das Abi in der Tasche hat, nach China.
    Kannst du ihm Tipps dazu geben ? Ich würde mich sehr freuen.
    Ralph

  • Hallo Lisa,
    war es bei deiner Bewerbung genau die Stelle, die du woltest, oder hat man darauf keinen Einfluß ? Bitte Info an mich, danke vielmals und eine gute Zeit, Ralph

  • Hallo Ralph! Ich hoffe du liest meine Antwort hier, ich weiß leider nicht, wie ich dich sonst anschreiben kann.. entschuldige für die später Rückmeldung, ich habe das gerade erst zufällig gelesen! Natürlich kann ich euch über mein Projekt in China und den Programmablauf mal informieren, ich bräuchte nur irgendwelche Kontaktdaten 🙂 Am besten einfach übers AFS Büro bescheid sagen, dass ihr mit mir persönlich Kontakt aufnehmen wollt, die wenden sich dann an mich. Danke für euer Interesse! 🙂

  • Ein wunderschöner, sehr feinfühliger Artikel der China einmal ganz anders präsentiert. So wunderschön, dass man sich am liebsten sofort auf den Weg machen würde. Ich habe den Beitrag nun einige Male gelesen und immer wieder entdecke ich neue Details die zauberhafte Bilde vor meinem inneren auge entstehen lassen. Ich hab mich bisher nur wenig mit China auseinandergesetzt, doch dank Ihres Beitrags bin ich neugierig geworden. Nicht auf die moderne chinesische Welt, sondern auf die ursprüngliche chinesische Welt die es scheinbar trotz dem ganzen High Tec noch gibt – man muss sie nur finden.

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