Das Midstay Camp in Henan

Ein Midstay ist eigentlich dazu da, sich selbst und seine Erfahrungen zu reflektieren und über seine bisherigen Erfahrungen nachzudenken. Stattdessen wurden wir Samstag nach der Ankunft von Gastfamilien abgeholt, bei denen wir bis Montag bleiben sollten.

Zugfahrt – vierzehn Stunden Vollkomfort
Freitagabend 17:51 ging die Fahrt los. Wir hatten einen Zug mit Betten, immer drei übereinander. Trotzdem war es wegen eines Schnarchers sehr schwer, gemütlich zu schlafen.

meine Gastschwestern
meine Gastschwestern

Tag 1 – 50 nackte Chinesen
Ich wurde mit Blumen in Empfang genommen, von meiner neuen Gastmama, -tante und -schwester. Wie sich herausstellte, sollte ich diesmal in recht krassen Verhältnissen leben: ein offenes großes Haus ohne geschlossene Räume, kein Badezimmer und alles kahl und kalt. Zähneputzen und Waschen fanden auf dem Hof statt, geschlafen habe ich in dicken Pullis, zwei Hosen und Mütze. Nach dem Mittagessen bei meiner Familie, wo ich Man Mans kleine Schwester Wen Wen (8) kennen lernte, wollte ich gern duschen. Da war mir noch nicht klar, dass es keine Dusche gibt. Was passiert also? Wir fahren in ein öffentliches Bad. Da haben wir fünf Stunden verbracht mit duschen, Sauna und Massage und im Fernsehraum mit gemütlichen Sofas. Im Nachhinein war das nach einer Nacht mit etwa zwei Stunden Schlaf das beste, aber an dem Nachmittag war ich erst mal geschockt. Denn die Chinesen haben ja natürlich keinerlei Hemmungen, zu starren.

Tag 2 – der Kampf um mein Gesicht
Diesen Tag habe ich mit Man Man bei der Gastfamilie eines anderen Deutschen verbracht und einigen ihrer Schulfreunde.
Am Abend wollte Man Man auch noch in das öffentliche Bad, denn sie hatte am Samstag Schule gehabt. Als wir gerade den Laden verlassen wollten, kam dann der Tiefpunkt des Tages. Schon am Vortag hatten die Angestellten Fotos mit mir machen wollen und ich hatte nichts dagegen gesagt. Jetzt wollte der Besitzer jedoch noch eins, um es in seinem Laden aufzuhängen: In meinem Laden duschen auch Ausländer. Da hatte ich meine Einwände und Man Man, ihre gleichaltrige Freundin und Wen Wen haben versucht, das ganze abzuwenden. Das ist dann so eskaliert, dass Man Mans Eltern extra mit dem Fahrrad (ein Auto haben sie nicht) gekommen sind, und der Papa den Ladenbesitzer so richtig zur Schnecke gemacht hat, dass er nicht einfach wehrlose Kinder so behandeln könne. Das fand ich absolut erstaunlich.
Der Abend mit der Gastfamilie war dann richtig schön, und ich wollte trotz der Kälte (es waren mittlerweile Minusgrade) gern bei ihnen bleiben statt mit den Deutschen im Hostel zu sein.

Tag 3 – Willkommen auf dem Präsentierteller
Ein 86 Folien starker Power Point Vortrag über Henan wartete am Vormittag auf uns alle, danach schauten wir uns einen örtlichen Tempel an. Mittag gegessen habe ich bei der Familie, bei der wir am Sonntag gewesen waren und danach war ein Meeting zum Thema AFS in Henan mit der Schulleitung, Lehrern, Eltern und Schülern, wobei AFS vorgestellt und wir als Beispiel genommen und ausgefragt wurden. Den Abend habe ich dann mit der Gastmutter vom Mittagessen verbracht, wozu sie mich eingeladen hatte. Obwohl ich so noch immer nichts mit den Deutschen gemacht habe, war mir das sehr lieb, denn der Sinn und Zweck eines Midstay-Camps war sowieso bereits verfehlt und auf sinnloses Rumsitzen im Hostel hatte ich auch keine Lust. Stattdessen habe ich mit der Frau, die denselben chinesischen Namen hat wie ich, gemeinsam gekocht und viel erzählt.

Tag 4 – ein bisschen Midstay
Zuerst durften wir zu je drei Deutschen in den Englischunterricht der Schule unserer Gastgeschwister, wobei wir freudig fotografiert und angeschaut wurden. Bis zum Mittagessen wurden wir dabei von einem Kameramann und einem fotowütigen Lehrer verfolgt. Danach war es endlich Zeit für zumindest ein paar Stunden „Midstay“ – wir haben über bisherige Erfahrungen

Longmen Shiku
Longmen Shiku

geredet und Probleme diskutiert. Nachmittags waren wir kurz an einem Grab, wo es jedoch nicht wirklich viel zu sehen gab. Den Abend durften wir dann gemütlich im Hostel verbringen, wo wir Mädels dann das eigentliche Camp hatten, indem wir ausführlich alles mögliche diskutiert haben.

Tag 5 – “ Man könnte meine Nase jetzt abbrechen.“
Morgens um halb acht ging es nach einem traurigen Abschied von den neu gewonnenen Freunden mit einem kleinen Van zum berühmten Shaolin Tempel. Dort besichtigten wir die Tempelanlage, schauten dem Training des Shaolin Kungfus zu und haben vor allen Dingen schrecklich gefroren. Nach einem Mittagessen währenddessen das Huhn für die Suppe direkt vor der Tür gerupft wurde, ging es zum nächsten Stopp, die Laomen Shiku (Grotten). Wunderschön und voller Geschichte, denn hier hatten Ausländer und Chinesen Raub und Zerstörung walten lassen. Einst war in jeder Grotte eine Buddha-Statue, doch jetzt fehlen den meisten Köpfe oder andere Körperteile, oder die Figuren wurden ganz geraubt.
Nach einem anstrengenden und bitterkalten Tag (-5°C) traten wir um 21:00 Uhr die sechszehnstündige Heimfahrt an.


3 Gedanken zu Das Midstay Camp in Henan

  • Oh je, ich schwanke zwischen absoluter Belustigung und totalem Entsetzten, ne die Belustigung siegt, wer kann schon von sich behaupten 40 nackte Chinesen gesehen zu haben, einen Aufstand im öffentlichen Bad anzuzetteln, bestaunt und begeistert fotografiert zu werden und bei den Temperaturen um den Nullpunkt in geschlossenen Räumen nicht zu erfrieren?
    Soo viel Spaß an so wenigen Tagen, das macht mich doch fast neidisch.
    Ich wünsch dir, dass es bald wieder wärmer wird, liebe Grüße von allen,

  • Hi Lisa,
    habe gerade deinen Bericht gelesen und bin nicht sicher, ob ich dich beneiden soll -ob der vielen Eindrück und Erlebnisse – oder bedauern soll, wegen der Kälte und frostigen Umstände. Ich glaube es ist von beidem ein wenig, und ich denke, deine Stimmung wird ähnlich sein.
    Hier bereiten wir uns gerade auf das höchste Fest des Jahres vor und hätten dich natürlich gerne dabei. Wie ich gehört habe,gibt es in China kein Weihnachten in der Form wie wie es zelebrieren. Wird dort etwas Vergleichbares gefeiert?
    Auf jeden Fall wünschen wir Dir alles Gute und noch eine schöne Zeit mit hoffentlich baldigen Plusgraden. Liebe Grüße auch von Gido u. Daniel.

  • ein toller Bericht ! – und ein Nackbild von dir im Laden, da haben wir alle was verpasst. lol Indirekt hat der Chinese dir damit klar gemacht, was er von dir denkt. Eine junge Chinesin wuerde doch niemals allein ins Ausland gehen ( ohne Ehemann ) es sei denn sie ist eine …. – Bewundernswert was du da leistest. Du solltest unbedingt mit einer gleichaltrigen Chinesin sprechen, damit dir klar wird was du machst. Im dateinasia.com/ kannst du mit Chinesinnen anonym chatten. Ihre Denkweise und ihre Kultur sind total anders von der deinen. Gruss aus Thailand.

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