Ein ganz normaler Tag…

Um acht wache ich auf – eine Mischung aus neuem Schlafrhythmus und den beginnenden Bauarbeiten bei uns auf dem Dach sind dafür verantwortlich. Als ich aufstehe, sind alle schon bei der Arbeit und in der Uni – meine Chance, ungeniert Musik zu hören, laut mitzusingen und klammheimlich den Abwasch zu machen. Meine Gastmutter ist eigentlich tatsächlich die einzige, die das tut, deshalb kann ich so was nur machen, wenn keiner guckt. Heute habe ich vormittags keine Stunden, deshalb lasse ich es ruhig angehen, lerne etwas Chinesisch und bereite mich auf den Unterricht vor.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle, für den ich 5-10 Minuten brauche, grüße ich am Ein-/ und Ausgang zu unserer Wohnsiedlung die Wachposten, die den aufregenden Job haben, das Knöpfchen für die Schranke zu drücken, wenn Autos kommen oder wegfahren. Nach unvorhersehbarer Wartezeit kommt dann mein Bus in Richtung Schule, zu erkennen an der Anzeige 蔡陆专线. Glücklicher Weise ist der nie besonders voll. Beim Einsteigen zücke ich meine Transport-Karte (sieht so aus wie eine gewöhnliche Kreditkarte), sage der 售票员 (Shou Piao Yuan = die Person, die direkt an der Hintertür sitzt und die Fahrkarten verkauft bzw. den Betrag per Knopfdruck in eine kleine Maschine eingibt, über die von der Transport-Karte das Geld abgebucht wird) 三块 (san kuai = 3 RMB, zur Zeit ist 1€ etwa 9 RMB) und suche mir einen Platz. Sobald ich mich hinsetzen kann, nehme ich mir meine aktuelle Vokabelliste vor und habe somit sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit meines Sitznachbarn, der höchst interessiert schaut, was die Ausländerin denn da mit den chinesischen Schriftzeichen will. Als die vertraute Computerstimme nach einer halben Stunde 合庆 (He Qing) durchsagt, mache ich mich zum Aussteigen bereit. Etwa fünf Minuten brauche ich zur nächsten Bushaltestelle. Auf diesem Weg mustern mich Fußgänger, Rikscha-Fahrer, Fahrradfahrer, Autofahrer sowie Verkäufer, die in den Türen ihrer Läden auf Kundschaft warten, sehr ausführlich – manchmal fürchte ich, dass ein Verkehrsunfall passiert, wenn die Leute zu vergessen scheinen, dass sie eigentlich gerade Auto fahren. Während ich auf den zweiten Bus warte, blicke ich andauernd in starrende Gesichter und höre Menschen aus tiefster Kehle auf die Straße rotzen. Mit dem Bus 川白线 fahre ich dann für 一块 (yi kuai = 1RMB) bis zur Endstation. Obwohl das nur etwa zehn Minuten Fahrt sind, ist es durchaus ratsam, sich hinzusetzen, denn besonders auf den letzten Kilometer ist die Straße so holprig, dass es mit dem Gleichgewicht wirklich nicht einfach ist.

Bis zur Schule sind es jetzt nur noch zwei Minuten Fußweg. Der nette Wachposten, der übrigens wie fast alle dort mit dem Direktor verwandt ist, macht mir das Tor auf und ich begebe mich ins Lehrerzimmer, wo ich an meinem Schreibtisch die Stifte raushole. Jetzt wird wieder angespitzt, bis die Blase an meinem rechten Mittelfinger wieder wehtut, denn die Kinder sollen heute Bilder ausmalen. Es ist das erste Mal, dass ich die 2. und das heißt die anstrengendste Klasse alleine unterrichten muss. Als es klingelt merke ich, dass ich ganz schön aufgeregt bin. Die ersten fünf Minuten ist Augen-Massage – zu einer lauten Durchsage-Stimme, die immer wieder von Eins bis Acht zählt, müssen die Kinder eingeübte Gesichtsmassage-Bewegungen machen, um wach zu bleiben, das ist jeden Tag zweimal.  Währenddessen sind sie bereits unruhig und laut und verlangen, dass wir den Film weiter gucken, den ich letzte Stunde mit ihnen angefangen hatte. Als ich ihnen sage, dass ich leider noch keine chinesische Version gefunden habe, und wir deshalb heute malen und nächste Woche auf Chinesisch den Film weitergucken, werden Proteste laut. Gut, dann gucken wir den Film weiter, Hauptsache diese 35 min gehen möglichst schnell vorbei. Mit „König der Löwen“ hatte ich schon bei der 4. Klasse voll ins Schwarze getroffen – ein Hauch Fremde tat den Stadtkindern offenbar sehr gut. Und was ich als Kind schon geliebt habe, konnte ja nicht schlecht sein. Allerdings muss ich mich ganz schön zusammennehmen, als Simbas Papa stirbt… Die Kinder sind glücklich und einigermaßen leise, mehr kann ich mir nicht wünschen. Da ich heute nur diese eine Stunde habe, mache ich mich danach schon wieder auf den Heimweg. Während ich auf den 川白线 Bus warte, hole ich mir in dem kleinen Lädchen direkt an der Haltestelle noch weißen Traubensaft. Auf dem Weg zur zweiten Bushaltestelle komme ich an meiner liebsten Baozi-Bäckerei vorbei und winke den bereits bekannten Verkäufern zurück. Doch die fremden starrenden Menschen ignoriere ich mittlerweile lieber, seit ein kleines Kind auf mein Lächeln hin in der U-Bahn mal bitterlich angefangen hat zu weinen.

Auf dem Fußweg zurück nach Hause höre ich schon von weitem den idyllischen Bohrer-Lärm, der mich jetzt bis mindestens sechs Uhr abends bei allem was ich tue stören wird. Heute laufe ich ins sechste Stockwerk, denn der Aufzug wird von den Bauarbeitern blockiert. Lernen lässt es sich dabei schwer, aber immer noch besser als wenn hinter mir der Fernseher läuft und vor mir meine Gastschwester ihren Schmuse-Pop hört. Deshalb ist es gut, die Zeit allein zu Hause zum Lernen zu nutzen. Bald kommt sowieso meine Gastmutter nach Hause, weil spätestens um sechs Abendbrot gegessen wird. Danach wird in aller Windeseile geduscht, denn sich bei 10°C  abzutrocknen ist nicht wirklich gemütlich.
So geht ein ganz normaler Tag in Shanghai zu Ende. 晚安!


Ein Gedanke zu Ein ganz normaler Tag...

  • Hallöchen, und dafür fliegst du soo weit weg, das mit dem „rotzen“ hätten wir für dich auch erledigen können, und eine Baustelle hätte sich auch gefunden. Gut die starrenden Leute wären ein Problem gewesen, da hätten wir aber an deiner Erscheinung feilen können. Nee schön, das so was wie Ruhe und Regelmäßigkeit in dein Leben kommt. Ganz liebe Grüße von allen Zwei- und Vierbeinern zu Haus.
    Hab dich lieb,

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