Wenn einen Hupen wahnsinnig macht

…dann weiß man, man war zu lange in Shanghai. Heute Morgen an der Bushaltestelle habe ich versucht, die Sekunden zu zählen, in denen kein Gehupe zu hören war. Ich bin nie bis 10 gekommen. Egal was passiert, selbst wenn weit und breit alles leer ist, man hupt einfach. Je lauter und schriller, desto besser. Es macht einen verrückt! Diese Ungeduld und Selbstfokussierung findet sich in sämtlichen Lebensbereichen wieder. Jeder denkt vor allem an eines: an sich selbst. Wer hat bloß erfunden, dass die Chinesen ein freundliches Volk sind? Gefälligkeiten sind Freunden und Verwandten vorbehalten. Die chinesische Regierung sendet Clips im Fernsehen, die anpreisen, einer älteren Person seinen Sitzplatz im Bus anzubieten. Ich glaube, dass die Personen, die das Geld im Bus einsammeln, vor allem deshalb dort sind, um sicherzustellen, dass eine 80-jährige sich setzen kann. Jeder weiß, dass es sehr viele Chinesen gibt. Andere Völker hätten daraus vielleicht einen Gewinn für sich finden können. Aber hier passt folgendes Sprichwort wie die Faust aufs Auge:

Ein Japaner ist ein Wurm, fünf Japaner sind ein Drache. Ein Chinese ist ein Drache, fünf Chinesen sind ein Wurm.

Korruption ist vorherrschend, und sich dagegen zu wehren ist zwecklos – die Menschenmasse ist zu groß, um sich rauszuhalten. Man muss nur die richtigen Leute kennen, und alles läuft wie von selbst. Unsere Organisation Roots & Shoots ist ernsthaft stolz darauf, ohne Korruption klarzukommen: Spendengelder kommen dort an, wo sie hinsollen. Ja, richtig gehört, das ist hier ein Grund, stolz zu sein.

In der Grundschule hatte ich, vor allem in den ersten zwei Jahren, höchstens vier Stunden pro Tag, alle bei dem/der gleichen Lehrer/in, um Vertrauen zu fassen. Hier in meiner Migrantenschule müssen alle Kinder, von der ersten bis zur fünften Klasse, von 8:00 bis 15:30 Uhr in der Schule sein. Die Mittagspause ist zwar lang inklusive einer Dreiviertelstunde Zeit für Hausaufgaben und auch so gibt es viele Pausen, trotzdem weiß ich genau, dass jede Mutter in Deutschland Kopf stehen würde. Morgens ist Fahnenappell und Gymnastik, um die Köpfe möglichst wach zu kriegen. Zweimal pro Tag ist fünf Minuten lang Augenmassage, um am Ball zu bleiben. Alles ist darauf gedrillt, den Kindern möglichst viel Wissen einzuflößen. Sitzenbleiben ist nichts Besonderes. Aber wen wundert es, dass ein Siebenjähriger lieber als Löwe durch den Raum gejagt wird, anstatt als einer von 50 dreißigmal „uncle“ unter die chinesische Übersetzung zu schreiben?

Ich dachte vor meiner Zeit in Shanghai immer, dass China nicht mehr viel fehlt, um den Sprung zu schaffen, dass vor allem die Politik einer Zukunft als entwickelte Industriennation im Wege steht. Leider steckt so viel mehr dahinter, wobei natürlich das meiste von der Politik kommt. Es ist immer wieder erschreckend, wie sie alle auf Propaganda programmiert sind. Selber nachdenken? Eigene Meinung? Es ist nicht schwer, die Internetsperren zu umgehen. Aber das nutzt man zum Chatten, nicht um verbotene Nachrichten zu erforschen.
Für mich war Folgendes z.B. nicht nachvollziehbar: Ich habe meine Gastschwester gefragt, was es an ihrer Uni für Möglichkeiten gibt, Sport oder Musik zu machen, oder ob ich sonst in der Gegend irgendwo so was wie Musikstunden nehmen könnte für ein Instrument. Aber sie hatte sich noch nie Gedanken über das gemacht, was es neben dem, was für ihren Studiengang wichtig ist, noch geben könnte. Was man hier in der Umgebung sonst als Hobby machen könnte? Keine Ahnung. Ich studiere, warum soll ich das dann wissen?!

Jeden Tag findet sich etwas, worüber man nur den Kopf schütteln kann. Der Unterricht in der Schule ist vor allem frustrierend für mich. Ich werde von ihnen absolut nicht als Lehrer akzeptiert, kaum jemand hört zu und so kann man mit ihnen nicht mal ein einfaches Spiel auf dem Schulhof spielen. Keine Lust, kein Interesse. Ich kann es ihnen nicht mal übel nehmen, denn es ist die einzige Zeit in der Schule, in der sie mal entspannen können, ohne Angst zu haben. Frustrierend ist es dennoch.


2 Gedanken zu Wenn einen Hupen wahnsinnig macht

  • hey lisa,
    ich kenne dich zwar nicht, verfolge aber gespannt, was du so schreibst.
    ich wünsche dir, dass du trotz allem die freude an diesem land und deiner arbeit nicht verlierst!
    genieße diese spannende zeit
    johanna

  • Hi süße,
    Lass dich nicht unterkriegen, Kopf hoch und immer schön Erfahrungen sammeln, Ich nehme mal an, dass viele Lehrer hier in unseren Breitengraden das Frust- Gefühl kennen,obwohl wir ja ein super entwickeltes Land sind. Und das der normal entwickelte Mitteleuropäer vor Freundlichkeit übersprüht, ist mir auch noch nicht aufgefallen. Soo anders ist es doch also gar nicht (-: Wir haben nur ein paar Leute weniger hier wohnen.
    Such dir ein paar Inseln fürs Entspannen. Ganz liebe Grüße von deinem Fanclub zu Haus.
    Mom

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