Endlich im Projekt

Seit einer Woche lebe ich nun in meiner neuen Familie und seit einigen Tagen arbeite ich auch endlich in meinem Projekt. Das Mondfest liegt bereits hinter mir und das nächste Fest steht schon unmittelbar bevor. Von Alltag kann noch lange keine Rede sein, aber ich fühle mich sehr wohl. Meine neue Familie hat mich herzlich bei sich aufgenommen. Mein Gastvater ist nur zum Abendessen kurz zu Hause und sonst beruflich sehr stark eingespannt, er hat eine kleine Firma die Teile für Siemens herstellt, darauf war er sehr stolz. Was meine Gastmutter genau macht, weiß ich gar nicht, aber sie ist zeitlich sehr flexibel und nachmittags schon zu Hause, um Abendessen zu machen und sich um den Haushalt zu kümmern. Meine Gastschwester studiert Kunstdesign und kommt auch meist recht spät heim. Aber zumindest das Abendessen nehmen wir nach Möglichkeit gemeinsam ein und wir unterhalten uns jeden Tag angeregt. Besonders meine Gasteltern haben besonders viel Spaß dabei mein ratloses Gesicht zu sehen, wenn sie mir irgendwas erzählen. 😉

In der Schule
In der Schule

Mein Stundenplan in der Migrantenschule, in der ich arbeite, ist ziemlich leer. Ich habe pro Tag nie mehr als zwei verschiedene Klassen, aber die Unterrichtsvorbereitung nimmt auch ganz schön viel Zeit in Anspruch. Es gibt keinen Kopierer, kein Papier, die wenigsten Kinder haben Stifte oder Scheren bei sich. Man muss sich also immer möglichst einfache Sachen überlegen. Dazu kommt noch, dass man sich glücklich schätzen kann, wenn 30% der Klasse zumindest versucht aufzupassen, in der Regel ist es wahnsinnig laut und die Kinder sind immer total aufgekratzt, wenn die zwei Ausländer hereinkommen. Englisch verstehen sie natürlich auch alle nicht. Ich bin daher um so erleichterter, dass die zweite deutsche Freiwillige noch bis Ende November mit mir zusammen unterrichtet, denn sie kann natürlich viel besser Chinesisch als ich und ist an den Umgang mit der Meute gewöhnt. Berührungsängste haben die Kinder überhaupt nicht. Sie erzählen mir mit größtem Enthusiasmus in jeder Pause irgendwelche tollen Geschichten, und jedes mal wenn ich ihnen am Ende sagen muss, dass ich sie leider nicht verstanden habe, erzählen sie mir ihre Geschichte eben einfach noch einmal. Die ersten Basteleien und Bilder habe ich auch schon geschenkt bekommen. Und man schafft es nie ohne eine Traube Kinder um sich herum, die einen anstrahlt, über den Pausenhof. Sie haben mein Herz im Sturm erobert und trotz der Anstrengung, mit der der Unterricht verbunden ist, freue ich mich jeden Tag sehr auf die Arbeit.

Montags und dienstags habe ich vor und nach der Mittagspause je eine Schulstunde, die jeweils 35 Minuten dauern. Mittagessen gibt es in der Schule auch. Die Kinder essen in ihrem Klassenraum und müssen danach 30 min draußen spielen, während die Klassen saubergemacht werden. Die Lehrer essen zusammen im kleinen Küchengebäude, das erst vor kurzem errichtet worden ist. Mittwochs habe ich nur vormittags zwei Stunden, sodass ich da immer besonders früh nach Hause komme. Donnerstags und freitags hingegen habe ich nur nachmittags je eine Stunde, allerdings werde ich bis Mitte Dezember freitags nicht arbeiten, sondern den Sprachkurs im Westen Shanghais besuchen. Bis sich da mal ein Alltag einschleicht, dauert es also vermutlich noch. Die freie Zeit nutze ich zum Joggen und Chinesisch lernen, um sechs gibt es dann ja spätestens schon Abendessen und bis zum Schlafengehen lerne ich noch Chinesisch. So gehen die Tage bisher sehr schnell rum und ich kann es gar nicht fassen, dass der September nun schon vorbei ist.

Die Kinder, die wir unterrichten, sind zwischen sechs und zwölf Jahre alt (wir haben eine zweite, eine dritte, zwei vierte und eine fünfte Klasse). Dadurch, dass immer etwa 50 Kinder in einer Klasse sind, ist es leider keine Seltenheit, dass Kinder eine oder mehrere Klassen wiederholen müssen, weil sie einfach nicht mitkommen und nicht individuell gefördert werden können. Für mich gilt es jetzt, so schnell wie möglich mehr Chinesisch zu lernen, damit mir die Kinder zuhören und ich ihnen etwas erklären kann.

Morgen, am 1.10., ist chinesischer Nationalfeiertag und somit sieben Tage Ferien. Demnach werde ich übernächstes Wochenende vermutlich wieder anfangen zu arbeiten, spätestens an dem Montag darauf. Für die Ferien war ursprünglich eine Beijing-Reise geplant, aber ich habe mich dagegen entschieden. Einmal weil ich es besser fand, mich bei der neuen Familie in Ruhe einzuleben, und weil ich dagegen war, die ganzen Nationalferien mit acht Deutschen zu verbringen. Da verzichte ich lieber (erst mal) auf Beijing, was sich übrigens als genau die richtige Entscheidung erwiesen hat, denn meine Gastmutter hat verlauten lassen, dass wir vielleicht zwei, drei Tage gemeinsam wegfahren wollen. Das sind dann Ferien, wie ich sie mir für neun Monate in China ausgemalt hatte. 🙂

Dr. Jane Goodall & Mr. H
Dr. Jane Goodall & Mr. H

Eine Sache gibt es noch, von der ich berichten möchte, nämlich das Jane Goodall Gambe Annual Festival. Letzte Woche war nämlich Dr Jane Goodall, Gründerin meiner Organisation Roots & Shoots, in Shanghai, weil sie nun vor 50 Jahren mit ihrer Arbeit mit den Schimpansen in Tansania begonnen hatte. Zu diesem Anlass gab es ein großes Fest, organisiert von Roots & Shoots. Kinder und Erwachsene aller Altersgruppen waren vertreten, haben Stände aufgebaut und sich ausgetauscht. Wir Deutsche waren auch alle für ehrenamtliche Arbeiten eingeteilt und durften uns im Anschluss Dr Jane Goodalls Rede anhören. Das war ein großartiges Erlebnis, die 76-jährige Dr Goodall persönlich zu erleben. Das hat mich daran erinnert, warum ich hierher gekommen bin und was ich hier erreichen will: die Welt ein kleines bisschen besser machen, kleinen perspektivlosen Kindern Hoffnung geben, dass sie etwas aus sich machen können, wenn sie nur hart genug für ihre Ziele arbeiten!


2 Gedanken zu Endlich im Projekt

  • Schön, dass der Wechsel so reibungslos lief, ich drück dir die Daumen,dass dich nicht noch mal jemand haben möchte und du wieder deine Sachen packen musst,
    Der Schulaltag scheint kaum zu vergleichen, mit dem, was du gewohnt warst, oder vielleicht doch ein bischen???
    Ich wünsch dir schöne Ferien und erhol dich gut.
    Fühl dich geknuddelt,

  • Ni hao Lisa 🙂
    hört sich toll an, was du momentan machst. Ich werde im Februar, genau wie du, mit AFS für neun monate nach china gehen und hoffe, noch einiges wissenswertes von dir zu erfahren. ich wollte dir ursprünglich eine mail schreiben weiß aber deine adresse oder deinen nachnamen nicht. würde mich freuen wenn ich dir mal ein paar fragen stellen könnte oder wir uns dann eventuell sogar im februar sehen!
    aus dem kommentar oben lese ich heraus, dass du dein projekt gewechselt hast?
    Erst einmal viele liebe grüße nach shanghai und hoffentlich können wir uns mal in verbindung setzen zaijian ani (a_loeffers@hotmail.de)

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