Keine Ostereier in Costa Rica

Kurz vor Ostern bekam Doris von einer Bekannten ein gefärbtes Ei geschenkt. Sie drehte es eine Weile in der Hand hin und her und fragte dann: „Ist das ein echtes Ei?“. Irgendwie hatte ich mir eingebildet, die vielen mit Eiern geschmückten Sträucher in den Gärten, die Dekoration der Geschäfte und mein Osterkranz an der Haustür wären schon von ihr bemerkt worden, aber nein, so richtig registriert hatte sie das doch noch nicht. Also machte ich mich daran, die Geschichte vom Eier versteckenden Osterhasen zu erzählen. „Und die Kinder glauben das wirklich?“ war ihre erste Reaktion. „Naja, die ganz Kleinen bestimmt!“, versicherte ich ihr. Auch wenn ich es hätte besser wissen müssen: Unsere Bräuche werden von uns als so normal empfunden, dass man sich unbewusst einbildet, das wäre überall so. Mitnichten!

Ein Sonntagsfrühstück in Costa Rica besteht zum Beispiel ganz und gar nicht aus verschiedenen frischen Brötchensorten, gekochten Eiern, Aufschnitt und Marmeladen! Dort werden aus Maismehl kleine, pfannkuchenähnliche Fladen gebacken, die mit frischem Gemüse gefüllt werden. Dazu gibt es Obstsalat. Und weil das unter der Woche zu viel Arbeit ist, begnügt man sich dann mit Milch und Cornflakes. Erleichtert stelle ich fest, dass zumindest mein geliebter Kaffee auf der anderen Seite der Erdkugel genauso gern getrunken wird. Doris hat uns eine leckere Kostprobe aus Costa Rica mitgebracht. An unseren Körnertoast hat sie sich aber schnell gewöhnt. Mit Staunen betrachten wir die eigenartigen Zusammenstellungen, mit denen sie das Brot belegt. Neben Käse und Salami kommt auch mal eine Schicht Frischkäse und Marmelade darin vor, nicht wahlweise, sondern alles zusammen. Gerade hat sie Remoulade entdeckt, die sie am Ende auf die ganze Pracht verteilt. Hauptsache, es schmeckt!

Ich beneide Doris um die Möglichkeit, das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse zur Verfügung zu haben! Dagegen würde ich die vielen Schokoladensorten, mit denen sie bei uns immer liebäugelt, gern eintauschen. Gegen das schlechte Wetter der letzten Wochen zeigte sie sich ungewöhnlich resistent. Es gibt kein Anzeichen einer noch so kleinen Erkältung! Allerdings betrachtete sie gestern etwas missgestimmt ihre blassen Arme. „Kann es sein, dass man bei euch im Winter immer weiß wird? Ich sehe normalerweise ganz anders aus!“

Die Ostertage nutzten wir dazu, unseren Wohnwagen in sein Sommerquartier nach Holland zu überführen. Da für die zwei Tage hauptsächlich Arbeiten rund um den Wohnwagen und der anstrengende Vorzeltaufbau angesagt war und der Wetterbericht nicht sehr ermutigend schien, machten wir einen kleinen Versuch, unser Gastkind für die beiden Tage beim großen Bruder zuhause zu lassen. Weit gefehlt! Selbstverständlich wollte sie mit fahren! Sie half die ganze Zeit über so tatkräftig mit, dass wir kaum glauben konnten, dass Doris noch nie einen Wohnwagen von innen gesehen hatte. Sie besitzt die wunderbare Gabe, allein durch Beobachten und Nachahmen zu lernen und sich somit scheinbar mühelos in alle Aufgaben einzubringen. Als dann am Ende nichts mehr für sie zu tun übrig war, entschied sie sich gegen ihr mitgebrachtes Buch und für einen langen Spaziergang mit unserem Hund, der glücklich um sie herumscharwenzelte. Mit einem Besuch im Restaurant und einem gemütlichen Fernsehabend im Wohnwagen, bei dem der wieder einsetzende Regen auf das Dach prasselte, beendeten wir diesen schönen Tag.


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