Seit 6 Wochen in China

Hallo und ni hao aus China!

Jetzt bin ich schon seit 6 Wochen in China und habe mich hier so gut eingelebt, dass ich mich schon ein kleines bisschen chinesisch fühle. Aber ich fange am besten am Anfang an:

Nach einem recht schwierigen Abschied in Deutschland, habe ich mich erwartungsvoll ins Flugzeug gesetzt und wurde keineswegs enttäuscht. Kaum hatten wir den Flughafen in Beijing verlassen, hatte ich das Gefühl, genau da zu sein, wo ich hingehöre und dass es richtig war, hierherzukommen. Die ersten drei Tage haben alle Gastschüler in China aus allen Ländern zusammen in Beijing verbracht. Dort wurden wir vorbereitet, konnten uns kennen lernen und haben einen Ausflug zur chinesischen Mauer gemacht.

Dann bin ich mit 13 anderen Gastschülern mit dem Zug nach Shijiazhuang gefahren. Ich war so aufgeregt, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann, wie es war, als ich meine Gastfamilie zum ersten Mal gesehen habe und in meinem neuen zu Hause angekommen bin. In den ersten Tagen schlugen so viele neue Eindrücke auf mich ein, dass ich kaum wusste, wie mir geschieht. Es hat seine Zeit gedauert, bis sich endlich alles normalisiert hatte.

Ich lebe mit meiner 13-jährigen Gastschwester zusammen bei den Großeltern, da meine Gasteltern sehr weit weg von der Schule leben und wenig Zeit haben. Von meiner Familie wurde ich ganz herzlich empfangen und besonders in den ersten Tagen haben sich alle nur darum gesorgt, dass es mir auch wirklich gut geht.

Die Schule dauert von 7:40 bis 18:00. Vormittags sind alle Gastschüler einzeln in chinesischen Klassen. Dort haben wir keine Chance, etwas zu verstehen, deswegen nutze ich die Zeit meistens, um Chinesisch zu lernen. Nachmittags haben wir zusammen Chinesischunterricht, Tai Chi und Unterricht in chinesischer Malerei.

Natürlich ist es alles andere als einfach, sich von jetzt auf gleich in einer komplett anderen Kultur zurechtfinden zu müssen. Allein schon von einer 120.000 Einwohner starken Stadt in Deutschland in eine 9-Millionen Stadt zu kommen ist eine Umstellung. Überall sind plötzlich so unglaublich viele Menschen. Aber das ist nicht das einzige. Es fühlt sich an, als wäre hier alles anders, vom Straßenverkehr über die Tischmanieren bis hin zu dem Hygienestandard einer normalen Familie. Manche alltägliche Dinge zu akzeptieren ist wirklich nicht leicht. Ich war zum Beispiel schockiert darüber, dass meine Familie keine Waschmaschine benutzt, oder dass ein chinesisches Badezimmer einfach anders aussieht als ein deutsches. Doch man kann sich an alles gewöhnen und im Nachhinein stolz auf seine Anpassung sein.

In den ersten Wochen nun habe ich aber beinahe mehr über mich selbst und meine Heimat gelernt als über China. Ich habe festgestellt, das so viele alltägliche Dinge überhaupt nicht selbstverständlich sind. Jeden Tag lerne ich etwas Neues an Deutschland zu schätzen, wie die Natur, die Hygiene und Dinge, von denen ich niemals gedacht hätte, ich könnte sie eines Tages mal vermissen. Ich habe eine richtige Verbindung zu Deutschland aufgebaut, von der ich vorher überhaupt nichts gespürt habe.

Da bleibt selbstverständlich das Heimweh auch nicht aus. Doch sobald ich das Haus verlasse und mich dadurch beinahe in ein tägliches Abenteuer stürze, ist alles vergessen. Die Chinesen sind nämlich sehr offen und freundlich und man fühlt sich sofort wie mit offenen Armen empfangen.

Was mein Chinesisch angeht, habe ich schon große Fortschritte gemacht. Zwar konnte ich schon vor der Abreise etwas sprechen, aber nicht gerade viel. Mittlerweile reicht es für die alltäglichen Dinge aus, da meine Gastgroßeltern kein Wort Englisch sprechen. Ebenso können meine Klassenkameraden nicht besonders gut Englisch, aber ich kann mich trotzdem jetzt schon – zwar nicht fließend, aber immerhin – einigermaßen mit ihnen verständigen. Außerdem kann ich nun schon mit fremden Chinesen auf der Straße oder im Bus Smalltalk halten, aber zu mehr bin ich noch nicht in der Lage.

Doch trotz aller Schwierigkeiten habe ich es keine einzige Sekunde lang bereut, nach China gekommen zu sein. Ich freue mich auf meine Rückkehr nach 10 Monaten genauso, wie auf die achteinhalb Monate, die ich jetzt noch vor mir habe. Ich habe das Gefühl, jetzt ein Teil der Familie zu sein, ebenso wie ein Teil meiner Klasse.

Herzliche Grüße aus dem Reich der Mitte,

eure Felicitas


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